Poetisch, philosophisch, elegant:
Postmoderne Pioniere in der Ausstellung Opera Oprera

Niemand kam an diesem Buch vorbei: Umberto Ecos Der Name der Rose. Die erstmals 1980 veröffentlichte Geschichte um den franziskanischen Gelehrten William von Baskerville und den Novizen Adson, die eine Reihe von bizarren Morden in einer mittelalterlichen Benediktinerabtei in Italien aufklären müssen, wurde auch durch die Verfilmung mit Sean Connery und Christian Slater ein Welterfolg und löste einen regelrechten Mittelalter- Boom aus. Was viele Fans nicht wussten: Umberto Eco war schon lange vor seinem Debutroman einer der wichtigsten postmodernen Denker Italiens, ein international bekannter Kulturtheoretiker, Semiotiker, der sich mit der Beziehung zwischen Sprache und Bildern beschäftigt. Und auch sein Roman ist ein literarisches Schlüsselwerk der Postmoderne. Es geht, das verrät schon die Anspielung auf Sherlock Holmes, um das Spiel mit Zeichen, Zeiten, Zitaten. Das Buch ist voller Bedeutungsebenen, literarischer, philosophischer, religiöser Querverweise. Das Motiv des Labyrinths, das bei Eco eine wichtige Rolle spielt, ist auch für die Erzählweise kennzeichnend. Wie ein Spiegelkabinett zeigt Der Name der Rose eine fragmentierte Wirklichkeit und zersplitterte, konstruierte Identitäten, die sich immer wieder neu zusammensetzten.

Oft wird vergessen, wie wichtig Italien für den Vormarsch postmodernen Denkens in den 1970er und 1980er Jahren war, es spielerisch, poetisch und immer auch mit einer gewissen Eleganz in die Massenkultur brachten. Und das nicht nur in der Literatur, sondern vor allem in der Kunst, der Architektur und dem Design. Heute, wo die Welt zersplitterter und rätselhafter wirkt, denn je, besinnt man sich wieder auf diese Ära – auch in Opera Opera. Allegro ma non troppo. Wir stellen Ihnen vier künstlerische Pioniere der italienischen Postmoderne in der Ausstellung im Berliner PalaisPopulaire vor.

Architekt, Intellektueller und Poet: Aldo Rossi

Interessanterweise waren es auch Espressomaschinen und Kaffeekannen, die das postmoderne Avantgarde-Design weltweit in die Haushalte brachten. Wer sich die kunterbunten, geometrischen und anti-funktionalen Möbel der Mailänder Memphis - Gruppe nicht leisten konnte, dem bot die Designfirma Alessi günstigere Optionen. Für Alessi entwarf nicht nur der Franzose Philippe Starck die legendär unbrauchbare, raketenartige Zitronenpresse Juicy Salif. Auch der Memphis – Gründer Ettore Sottsass gestaltete Pfeffermühlen, Besteck und Weinkühler. Ein weiter Stardesigner von Alessi war der italienische Architekt Aldo Rossi (1931- 1997), dessen Espressomaschinen, Wasserkessel und Kaffeekannen zu Bestsellern wurden. Ironisch und fantasievoll bieten sie Baukunst en miniature, wie Rossis reale Architekturen inspiriert von den Kuppeln venezianischer Kirchen, Leuchttürmen und den Wassertanks auf den Dächern New Yorks. Im Rahmen von Opera Opera wird Rossis Modell für den Umbau des Teatro Carlo Felice in Genua gezeigt, den er Anfang der 1990er- Jahre realisierte– mit komplett modernisierten Innenraum, allerdings mit historischer Fassade.

Es lohnt sich, seine anderen, spektakulären Entwürfe kennenzulernen, Rossi destillierte aus historischen Städten Grundelemente, Kuben, Kegel, Säulen, Giebeldächer, die er in eine Architektur transformierte, die reduziert, typologisch und doch unglaublich theatralisch ist. Das hat ihm beides eingetragen: kultische Verehrung und unverhohlene Ablehnung, die ihn auch am Ende seines Lebens künstlerisch vereinsamen ließ. Während seine Projekte im Ausland geradezu gigantomanisch ausfielen, wurde von ihm in Europa immer weniger und kleiner gebaut. Kaum einer seiner Schüler und Weggefährten mochtn ihm am Ende seines Lebens noch folgen. Er trieb es zu bunt. Das sagt man gerne über seine rot, grün, blau leuchtenden Gebäude aus den späten Jahren, die aussehen, als seien sie aus Bauklötzen zusammengefügt: das Lighthouse Theatre mit seinem Leuchtturm in Toronto, den aus unterschiedlichen Fassaden zusammen geklonten Bürokomplex in der Berliner Schützenstraße, die Disney Zentrale in Orlando, die wirkt, als hätte sie ein Riesenkind in der kalifonischen Einöde abgestellt.

Rossi war nicht nur Architekt, sondern ein Intellektueller und Poet. Seit den 1970ern setzte er auf der ganzen Welt spektakuläre Projekte um, 1990 erhielt er den Pritzker Prize, die höchste Auszeichnung für einen Architekten. Doch Rossi gilt auch als ein Mann, der Zeit seines Lebens zu schnell fuhr, zu viel trank und immer an seinen Grenzen lebte. Er hinterlässt eine Architektur die, so der Kunsthistoriker Kurt W. Forster, „ in einem Dornröschenschlaf gefangen ist“ und bis heute auf ihr Erwachen wartet.

Spiegelbilder, Arte Povera: Michelangelo Pistoletto

Ein Michelangelo für das 20. Jahrhundert: Schon im Alter von 22 Jahren zeigte der 1933 geborene Michelangelo Pistoletto seine ersten Ausstellungen, um dann zu Beginn der 1960er Jahre mit seinen riesigen bemalten Spiegeln eine Weltkarriere zu starten. Diese Hybride aus Objekt und Gemälde sind für jeden, der sich in ihnen spiegelt, auch Selbstporträts. Und natürlich im Smartphone-Zeitalter auch eine Verführung dazu, sich in ihnen zu fotografieren. Doch auch wenn Pistoletto sagt, seine Spiegelbilder seien immer schon Selfies gewesen, ging es ihm nicht um narzisstische Selbstbespiegelung, sondern eher - wie Umberto Eco - eine Reflektion über Bild und Abbild, Selbst und Selbstbild, über Vergänglichkeit, die Konstruktion und Dekonstruktion von Wahrnehmung und Wirklichkeit. Doch kaum waren die häufig riesigen, in Goldrahmen gefassten Spiegelbilder so etwas wie Pistolettos Markenzeichen geworden , vollzog er zwischen 1965 und 1967 mit seiner Serie von „Minus-Objekten“ eine radikale Wende. Auch die in Opera Opera präsentierte minimalistische Lichtarbeit Quadro di fili elettrici (1967), die lediglich aus einem Feld miteinander verkabelten Glühbirnen besteht, entstand in diesem Geiste. Pistolettos völlig heterogene Minus-Objekte sind kaum von Alltagsobjekten zu unterscheiden, oft sind es „arme“, schrottreife Materialien, Fundstücke wie etwa eine Papp-Rose oder Industrielampe, in die eine grüne Glühbirne geschraubt wurde.

Die „Minus-Objekte“ widersetzen sich dadaistisch und lyrisch den Konventionen der Kunst und der Vermarktbarkeit, verneinen einen festen künstlerischen Stil. Sie hinterfragen, ganz im Sinne des von Roland Barthes 1968 ausgerufenen „Tod des Autors“, die künstlerische Autorenschaft. Die Kritiker reagierten abweisend, der Marktwert von Pistolettos früheren "Mirror Paintings" erstarrte, und die Zusammenarbeit mit vielen Galeristen brach ab. Nichtsdestotrotz ebnete die Serie den Weg für die Arte Povera-Bewegung, die nur ein Jahr später, 1968 von dem Kurator Germano Celant postuliert wurde. Die Gruppe, zu der neben Pistoletto Künstler wie Mario Merz oder Jannis Kounellis gehörten, setzte dem italienischen Wirtschaftswunder eine, arme, bewusst bescheidene Praxis entgegen. Man kann diese Kunst als eine aus Alltagsmaterialien- und Fragmenten zusammen konstruierte anti-monumentale Gegenerzählung zum Funktionalismus und Fortschrittsglauben der Moderne sehen . Die heftigen Reaktionen, die das damals auslöste, sind verklungen. Längst werden Pistolettos Werke zu Höchstpreisen verkauft. 2003 erhielt er auf der Kunst- Biennale in Venedig den Goldenen Löwen und nimmt auch fast neunzigjährig noch an großen internationalen Ausstellungen teil.

Qadro di fili elettrici, 1967
Michelangelo Pistoletto
Image Courtesy Fondazione MAXXI,
© Michelangelo Pistoletto
Photo: Patrizia Tocci
Pistoletto-Minus Objects, 1965-1966 Pistoletto’s Studio,Torino 1966
Photo: P. Bressano
© Michelangelo Pistoletto

Neon poems: Mauricio Nannucci

“The missing poem is the poem”: dieser einfache, paradox anmutende Satz den Mauricio Nannucci 1969 in orange-roten Neon- Lettern aufleuchten lässt, könnte den Verlust der Poesie in der modernen Welt betrauern. Er könnte aber auch einfach ein Experiment mit der seriellen Aneinanderreihung von Wörtern sein, eine Art Schreibübung. Der 1939 geborene Nannucci beginnt sich in den 1960er- Jahren mit Semiotik, den Beziehungen zwischen Sprache, Schrift und Bildern zu beschäftigen. Er lässt sich wie viele Konzeptkünstler dieser Zeit von der Linguistik inspirieren, arbeitet in verschiedenen Medien, mit Fotografie, Video, Künstlerbüchern und Klanginstallationen. Im Jahre 1967 verwendet er erstmals für einen Text – Alfabeto fonetico - blau eingefärbtes Neonglas. Zwischen 1968 und 1969 entstehen Neon-Arbeiten wie Blue und Red, Corner, Colours und ebenThe missing poem is the poem, die Nannucci in unterschiedlichen Farbtönen anfertigt, wobei sich im wahrsten Sinne mit jeder Variante die „Ausstrahlung“ seiner Sprachkonstruktionen ändert. Ab 1979 entstehen große Lichtinstallationen, ganze Räume aus Farbe, Licht, Sprache und Schrift – Text, der auf den Körper leuchtet, Texträume, dreidimensionale Poesie. Nannucci wird zu einem der Weltweit wichtigsten Licht- und Neonkünstler. Manche Besucher*innen von Opera Opera mögen sich fragen, warum ihnen der Stil von Nannuccis Neon so bekannt vorkommt. Das liegt an den vielen Kommissionen, die er realisiert hat – unter anderem im Innenhof der Peggy Guggenheim Collection in Venedig.
Auch wenn der Ausgangspunkt von Nannuccis Arbeiten konzeptionell, analytisch und reduziert ist und Neon eigentlich als kaltes Medium gilt, berühren sie einen auf eine merkwürdig emotionale Weise – wie ein „Missing Poem“, das wiedergefunden wird.

The missing poem is the poem, 1969
Image Courtesy Fondazione MAXXI,
© Maurizio Nannucci
Blue, 1970
© Maurizio Nannucci

Mythisches, dekonstruiertes Selbst: Luigi Ontani

In der europäischen Kunst der 1970er und 1980er ist er einer der künstlerischen Nomaden , den es ähnlich wie Francesco Clemente, Sandro Chia und die Maler der italienischen Transavanguardia nach Osten zieht. Es geht nach Afghanistan oder Indien – hin zu Symbolen, Mythen, Spiritualität, einer Reise zu den Tiefen des Selbst. Und das ist im Falle Luigi Ontanis durch und durch postmodern, ein sich ständig veränderndes Konstrukt, fließend, im Prozess begriffen. Ontani experimentiert mit den unterschiedlichsten Medien. Als er 1970 endgültig nach Rom übersiedelt, experimentiert Ontani bereits seit zwei Jahren mit seinen berühmten fotografischen Tableaux vivants, in denen immer der Künstler selbst im Mittelpunkt steht, der seinen Körper benutzt, um verschiedene mythologische Themen und Motive darzustellen. Le Ore von 1975 ist ein Werk, das zwar in der Tradition dieser Fotografie steht, aber gleichzeitig eine performative Dimension aufweist - jedes Bild ist das Ergebnis einer vom Künstler bis ins kleinste Detail kuratierten Inszenierung. Ontani verwandelt sich in Narziss, Leda und den Schwan, in Dante, den heiligen Sebastian, deren Rollen er neu interpretiert. Die fast lebensgroßen Fotoarbeiten sind angeordnet wie die Stunden einer Uhr, jedes Bild steht für eine Tageszeit, weist unterschiedliche Bezüge zur Kunstgeschichte auf, von der Antike über die Renaissance, bis zum Symbolismus und der Romantik. Und natürlich ist da die postmoderne Ironie, die sich bei Ontani mit einem Sinn für Dramatik und Freude an der Übertreibung paart. Identität, das ist bei ihm eine mystische, künstlerische und zugleich „queere“ Konstruktion, wobei die Genderdebatten der 1990er-Jahre vorwegnimmt. Wie auch bei Rossi, Pistoletto und Nannucci wird bei Ontani heute deutlich, wie sehr die Pionierleistungen dieser Künstler das aktuelle Denken mitgeprägt haben.

Installationsansicht „Opera Opera“, Davide e Prigioni. D’après Michelangelo, 1970
Luigi Ontani
Foto: Mathias Schormann
© Luigi Ontani